Man muß schon richtig suchen, um im Netz ein paar Informationen über diese Rechner bzw. den Hersteller zu finden. Die Firma Flytech Technologies hat ihren Sitz in Taiwan und existiert auch heute noch. Bereits 1984 begann sie u.a. PC-Mainboards herzustellen. 1989 fand die Firma eine Lücke im PC-Markt und entwickelte mit dem Carry-I einen IBM-XT-kompatiblen Computer, der in einem im Mini-Gehäuse Platz fand. Die ultra-kompakten Carry-I haben nur ungefähr die Größe eines Buches. Man kann davon ausgehen, das die Rechner aufgrund ihrer kompakten Bauform zwar nicht ausschließlich, aber oft als Kassensysteme, als Steuerungsrechner oder in Arztpraxen eingesetzt wurde.

Die technischen Daten der verschiedenen Modelle finden Sie nachfolgend, ebenso eine Werbung, die 1990 in einem Byte Magazine für die XT- und AT Modelle geschaltet wurde. Für alle Modelle gilt, das sie keinen Lüfter o.ä. zur Kühlung benötigen.

Carry-I 8000-Serie

FT-8100, 10MHZ XT/AMI BIOS/256K RAM expandable to 640k/One to two 720KB 3.5” FDD/Serial/Parallel/Game/CGA/MGA/Standard keyboard connector/16Watt Power adapter
Dimension: 240mm x 185mm x 45mm Weight: 1.9kg-2.4kg

FT-8200, 12MHZ, 0 Wait State AT/AMI BIOS with Diagnostic/1 MB RAM/One to two 1.44MB 3.5” FDD/Option 20MB or 40MB HDD/2 Serial/1 ParaIIel/CGA/MGA/Standard keyboard connector/30Watt Power adapter
Dimension: 240mm x 185mm x 45mm Weight: 2.1kg-2.8kg

Carry-I 9000-Serie, 80286 mit 12MHz oder 80386SX mit 20MHz Mikroprozessor (Co-Prozessor optional), 1024 x 768 VGA-Anzeigeschnittstelle, 1/2/4 MB RAM, 3,5-Zoll-1,44-MB-FDD, 40/80-MB-Festplatte, ein 8-Bit-Erweiterungs-SLOT, paralleler und zwei serielle E/A Ports, 30-W-Netzteil mit automatischer Bereichsumschaltung, zwei Mini-Tower-Ständer, Tragetasche,

Optional: 81-Tasten-Minitastatur mit 101 Funktionen, 9″-Farb- oder Monochrom-VGA-Monitor

Der Fund ist ein Modell 9300, gehört also zur 9000er Serie. Jedoch besitzt es bereits eine 80386sx CPU, die statt 20MHz mit 25MHz getaktet ist.

Wie erwähnt fehlen das spezielle Netzteil sowie die Tastatur. Das Netzteil hat einen ungewöhnlichen Anschluß mit 5 Pins, der aber ansonsten identisch mit einer PS/2 Buchse ist. Ein Glücksfall, das auf Wikipedia das Netzteil des Modells FT8003 abgebildet ist und sich auf dem Gehäuse ein Aufkleber mit der Anschlußbelegung befindet. Unser Modell 9300 hat einen identischen Anschluß, die Information auf Wikipedia ist also sehr hilfreich.

Der Carry-I wird vor dem Betrieb allerdings zerlegt, da natürlich überprüft werden soll, ob alle IC’s und Kabelanschlüsse fest sitzen. Nach dem Lösen von zwei Schrauben links und rechts hinten kann das Gehäuse abgezogen werden.

Um festzustellen, ob der Carry-I grundsätzlich läuft, bastle ich aus einem PS/2 Tastaturkabel einen provisorischen Stecker, der an ein Standard-Netzteil mit 5V/12V angeklemmt wird. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, Zeit und Material in einen Rechner investieren, der vielleicht gar nicht funktioniert. Aber er startet, wie man sehen kann.

Als Basis für ein Ersatznetzteil entscheide ich mich für ein Meanwell RT-65B, da es mehr als genug Leistung bietet und neben +12V und +5V auch die -12V für die seriellen Schnittstellen liefern kann. Da die Anschlüsse bei Meanwell-Netzteilen ungeschützt sind, verbauen wir das Ganze in ein Standard-Gehäuse. Zuerst muß das neue Netzteil dahingehend kalt überprüft werden, ob die neu gelötete Stecker-Anschlußbelegung die richtigen Spannungen auch an den richtigen Stellen auf dem Mainboard’s leitet. Ein Fehler an dieser Stelle und das Mainboard wäre zerstört. Erst danach wird das Netzteil an das Stromnetz angeschlossen. Das Einschalten verläuft problemlos ohne Rauch und Gestank, das Provisorium kann weg.

Allerdings ist die Pufferbatterie des Dallas 1287 vollständig leer und der Rechner kann die Einstellungen des AMI-BIOS nicht mehr dauerhaft speichern. Dummerweise ist der Dallas nicht gesockelt, sondern direkt auf dem Mainboard eingelötet. Die Erfahrung mit einigen Laptop- und Notebook-Rechnern sagt mir, das dies nicht ohne Grund so ist. Meist ist die Bauhöhe mit Sockel zu viel für die vorhandene Höhe im Gehäuse, und so ist auch beim Carry-I. Einige Tests belegen es: mit Sockel geht der Dallas nicht rein, ohne die Platine mechanisch zu belasten. Man kann die interne Batterie des 1287 ersetzen, aber im Mainboard ist das Aufschleifen der entsprechenden Pins zu gefährlich. Der Dallas muß für diese “Operation” ausgelötet werden.

Ein Problem behoben, ein weiteres tut sich auf! Die 800MiB-IDE-Festplatte startet nicht immer. Da das BIOS des Carry-I der 504MiB-Grenze unterliegt, hat der Vorbesitzer die Festplatte mit einem Festplatten-Manager von Western Digital präpariert. Dieser hat eine BIOS-Erweiterung in den Bootsektor installiert, wodurch diese Grenze umgangen werden kann. Nachteil an solchen Sachen ist, das auf die Platte nur zugriffen werden kann, wenn auch davon gebootet und dadurch die Erweiterung geladen wird. Die Festplatte müßte vielleicht nur neu eingerichtet werden um das Boot-Problem zu beheben. Aber Festplatten aus dieser Zeit haben oftmals schon mehrere tausend Betriebsstunden auf dem Buckel, man kann ihnen nicht mehr wirklich trauen. Da wir ja über eine integrierte IDE-Schnittstelle verfügen und das AMI-BIOS den Typ 47 anbietet (freie Eingabe der Plattengeometrie, CHS) entscheide ich mich die Festplatte durch eine CF-Karte zu ersetzen.

Das Ganze funktioniert prima, Netzteil tut was es soll, Datum und Uhrzeit werden wieder gespeichert und die CF-Karte läuft lautlos und stromsparend. Mangels der originalen Tastatur kann auch eine normale MF-II mit DIN-Anschluß (oder Adapter) verwendet werden. Ein kleiner VGA-Graustufenmonitor von einem ehemaligen Server passt wunderbar auf das kleine Gehäuse. Der Rechner hat eine gute Performance, dank 25MHz, 4MiB RAM und des schnellen Massenspeichers.

Es hat sich übrigens herausgestellt, das die WD-Festplatte doch nicht defekt ist. An einem Windows-Rechner wurde zwar keine Partition erkannt, aber nachdem sie mit diskpart gelöscht wurde, ließ sie sich auch unter DOS problemlos partitionieren und fehlerfrei formatieren. Man könnte sie also wieder einbauen, aber diese Größe war mit Sicherheit auch nicht serienmäßig im Carry-I verbaut, sondern bereits ein Ersatz für ein defektes Original. IDE-Festplatten mit mehr als 500MiB waren erst ab Mitte der 1990iger Jahre bezahlbar.

Flytech Carry-I 80386sx mit passendem kleinem VGA-Graustufenmonitor