Die 1980 gegrĂŒndete Firma Iomega stellt 1983 mit der Bernoulli-Box sein erstes Wechselplatten-Laufwerk vor. UrsprĂŒnglich war es fĂŒr den Macintosh als mobiler Datenspeicher gedacht, aber bald erkannte man die NĂŒtzlichkeit auch fĂŒr den IBM PC. Zu einer Zeit, in der Festplatten noch kein Austattungs-Standard fĂŒr Microcomputer waren, musste eine Einheit mit zwei 10 MiB bzw. 20 MiB Wechselplatten zum absoluten High-End zĂ€hlen. FĂŒr Iomega jedenfalls war das der Beginn einer Erfolgsgeschichte, in ihrem Verlauf allerdings mit einigen Höhen und Tiefen. Viele weitere Innovationen in Form von Speichermedien fĂŒr den PC und den Mac sollten folgen, u.a. verbesserte Bernoulli-Laufwerke mit höherer KapazitĂ€t und gleichzeitig kompakteren Medien. Vor allem das Zip-Laufwerk (100 MiB – 750 MiB) – bei dem auch eine Ă€hnliche Technologie verwendet wurde – fand großen Absatz. SpĂ€ter folgten das Jaz- (1 GiB – 2 GiB) und das Rev-Laufwerk (35 GiB – 90 GiB). 1995 etablierte sich das Zip-Laufwerk im Computermarkt und Iomega erreichte seinen wirtschaftlichen Höhepunkt mit einem Jahresumsatz von 1,5 Mrd. US$. Gegen Ende der 1990iger Jahre verloren die externen Wechselspeicher allerdings langsam an Bedeutung und wurden zunehmend durch Flash-basierte Speicher wie USB-Sticks ersetzt. 1998 ĂŒbernahm Iomega mit SyQuest Technology seinen schĂ€rfsten Konkurrenten im Bereich der Wechselmedien. 2008 wurde Iomega selbst von der EMC Corporation ĂŒbernommen. Diese wiederum gingen mit Lenovo 2012 ein Joint Venture ein. Iomega als Speicher-Hersteller existiert heute praktisch nicht mehr.

Nach dem kurzen Ausflug in die Iomega-Historie weiter mit den ersten Bernoulli-Laufwerken von Iomega. Die riesige Data Cartridge (ungefĂ€hr DIN-A4 Format), die in das Laufwerk eingeschoben wird, beinhaltet das 8″ große Speichermedium in Form einer flexiblen Filmscheibe mit PET-Beschichtung. Technisch ist das einer Floppy Disk Ă€hnlicher als einer Festplatte.

Die Speicherscheibe in der Kassette dreht sich nach dem Arretieren mit etwa 1500 U/min, erst dann werden die Schreib-Lese-Köpfe geladen. Diese können sich nur horizontal bewegen, nicht vertikal. Der Bernoulli-Effekt bewirkt eine Art Luftkissen, wodurch der Schreib-Lese-Kopf ca. 1 Mikrometer ĂŒber der Scheibe schwebt und diese nicht berĂŒhrt. Eine Unterbrechnung dieses Effekts bewirkt, das sich die Speicherscheibe vom R/W-Kopf wegbewegt. Ein Headcrash wie bei einer Festplatte – bei dem durch den Kontakt mit der Schreib-/Leseeinheit die OberflĂ€che der Platte oder der Schreib-/Lesekopf selbst zerstört wird – ist daher so gut wie ausgeschlossen. Die Laufwerke verfĂŒgen ĂŒber eine eigene Intelligenz in Form von Selbsttestroutinen im ROM und einen seriellen Anschluss fĂŒr die Diagnose. Als Schnittstelle wird ein VorlĂ€ufer von SCSI (SASI?) verwendet. Trotz eines Filtersystems gelangt offensichtlich Schmutz in das Laufwerk. Jedenfalls mĂŒssen die speziellen Reinigungskassetten der Bernoulli-Box deutlich öfter benutzt werden als bei Diskettenlaufwerken. Die Kassetten haben – Ă€hnlich 3,5″ Disketten – einen Schalter zum Aktivieren und Deaktivieren des Schreibschutzes (siehe Owners Manual weiter unten).

Die Bernoulli-Box hatte Anfangs eine SpeicherkapazitĂ€t von 10MiB (Modell A210H), doch bald folgte ein neues Modell mit 20MiB (Modell A220H) nach. Die externen Einheiten beherbergen je zwei Laufwerke, es gab jedoch auch welche mit nur einem Laufwerk (Modelle A110H, A120H). Das beliebteste System war aber die Bernoulli Box II (Modell B220X), deren handlichere Plattenkassetten einen Ă€hnlichen Formfaktor wie 5ÂŒ-Zoll-Disketten haben. Dieses Laufwerk konnte dann auch intern verwendet werden, denn es paßte in den Schacht eines PC’s. Trotzdem gab es auch diese kleineren Laufwerke als externe AusfĂŒhrung, mit ein oder zwei Einheiten im GehĂ€use. Sie werden ĂŒber einen externen SCSI-Anschluss mit dem Computer verbunden.

Die SpeicherkapazitÀt der Bernoulli-Wechselplatten wurde in der Folge immer weiter gesteigert: 44 MB, 90 MB, 150 MB und 230 MB. Auch bei den Weiterentwicklungen wurde weiterhin SCSI als Schnittstelle verwendet.

ZurĂŒck zu unseren Bernoulli Laufwerken. Im Inventar befinden sich an externen Einheiten ausschließlich welche mit Doppellaufwerken. Zwei Einheiten von Iomega, ein A210H (2 x 10Mib) und ein A220H (2 x 20Mib) sowie zwei A220H der deutschen Firma Borsu Computer.

Borsu hat die Iomega-Laufwerke ab 1985 lizensiert und unter eigenem Label vertrieben. Ein passendes Prospekt von Iomega gibt es hier, eins von Borsu finden Sie hier. Die Laufwerke beider Firmen dĂŒrften technisch identisch sein, jedenfalls sind keine Unterschiede zu erkennen. Bei den Adaptern schaut es anders aus. Iomega und Borsu haben jeweils einen Adapter mit externen Anschluß und einen mit internen und externen Anschluß im Angebot. Dazu spĂ€ter mehr. Von den Iomega Treiber haben wir die Versionen 4.11, 4.60 und 4.70, von Borsu nur die Version 2.90. Ebenfalls im Inventar ist ein NoName-AT mit zwei integrierten Seagate ST-225 und einer internen Bernoulli Box II (B220X) mit 20MiB SpeicherkapazitĂ€t pro Medium. Dieser Rechner wurde uns zusammen mit den zwei Borsu Bernoulli Boxen A220H vor ca. 15 Jahren gespendet und als “Ensemble” eingelagert. FĂŒr diese Rechnerklasse ist das eine gewaltige Speicherplatz-Ausstattung.

Oben sehen Sie die zwei verbauten 8-Bit Controller: ein 101 und 101D der Fa Borsu. Am 101D gibt es auch einen internen Anschluß, an welchem das eingebaute Bernoulli II – Laufwerk angeschlossen ist. Am 101 befindet sich die externe Bernoulli Box. Alles in allem verfĂŒgt die Anlage somit ĂŒber fĂŒnf(!) 20MiB große Festplattenspeicher. Und davon sind drei(!) auch noch Wechselspeicher. Theoretisch sollte es möglich sein, noch einen dritten Controller einzubauen und eine weitere A220H daran zu betreiben.

Die A220H liest auch die 10MiB Medien der A210H. Es kann sie jedoch nicht beschreiben. Das verhÀlt sich Àhnlich wie spÀter bei den Zip-Laufwerken, da konnte ein Zip-250 auch die 100 MiB Medien lesen aber nicht beschreiben. Ob diese BeschrÀnkungen einen technischen Grund hatten oder von Iomega beabsichtigt waren ist uns nicht bekannt.

Es wurden auch bereits Versuche unternommen, eine A210H oder eine A220H an einem SCSI-Controller zu betreiben. Die Bernoulli-Laufwerke werden zwar erkannt, aber ein Zugriff auf deren Inhalt funktioniert nicht. ErklĂ€ren lĂ€ĂŸt sich das einmal mit den Abweichungen vom spĂ€teren SCSI-Standard, aber auch mit der ungewöhnlichen SektorgrĂ¶ĂŸe von 256 KiB, mit der die Bernoulli-Medien formatiert sind. Alle Festplatten arbeiteten damals mit einer SektorgrĂ¶ĂŸe von 512 KiB.

Die Controllerkarten fĂŒr die Bernoulli-Boxen von Iomega und Borsu haben identische AnschlĂŒsse (extern: 37 pin Sub-D, intern 50 pin), sind aber nicht Treiber-kompatibel, was vermutlich an den Bios-Implementierungen liegt. Hier wurde anscheinend Eigenentwicklung durch Borsu betrieben. Die Konfiguration der Iomega-Adapterkarten finden Sie hier (Quelle: stason.org), die von Borsu hier. Nachfolgend werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Borsu und Iomega aufgefĂŒhrt:

  • Die Kombination Borsu Adapter und Treiber kann mit Iomega Laufwerken arbeiten.
  • Die Kombination Iomega Adapter und Treiber kann mit Borsu Laufwerken arbeiten.
  • Die PC2-Adapter von Iomega enthalten kein ROM, die vergleichbaren 101 von Borsu schon.
  • Ein Iomega Treiber erkennt den Borsu Adapter nicht. Das gilt auch umgekehrt!
  • Die Laufwerkseinheiten sind weitgehend identisch. Egal unter welcher Adapter/Treiber-Kombination die Wechselplatten formatiert wurden, sie können in jedem Laufwerk gelesen und beschrieben werden.
  • Die mitgelieferte Software ist zwar von der Optik her unterschiedlich, vom Leistungsumfang her aber identisch. Das Backup-Programm ist bei Borsu eigenstĂ€ndig und stammt von Gazelle Systems (Back-It)

Die Bernoulli Box kann als Boot-Laufwerk verwendet werden. Ein Adapter mit einem eigenen ROM ist dafĂŒr Voraussetzung. Dies ist bei allen Borsu-Adaptern der Fall, bei Iomega nur beim PC2B Adapter Wie bei Boot-Disketten oder -Festplatten muß ein Medium dazu entsprechend prĂ€pariert werden. Das macht man bekanntermaßen mit FORMAT [Laufwerk:] /S bzw. SYS [Laufwerk:] bei schon formatierten Medien. Bei der Installation der GerĂ€tetreiber unterstĂŒtzen Funktionen wie BINSTALL (Borsu) oder RCD INSTALL (Iomega). Aufgrund des Wechselplatten-Prinzips können so unterschiedliche DOS-Versionen und Konfigurationen gebootet werden. FĂŒr DOS Versionen ab 4.0 ist bei Iomega mindestens die Treiber-Version 4.70 notwendig.

Damit wir die die Inbetriebnahme, Wartung und technische Daten der Bernoulli Box nicht weiter erklĂ€ren mĂŒssen, hier der Einfachheit halber das Owners Manual.

Um zu sehen, ob sich grĂ¶ĂŸere Mengen Staub in den Bernoulli Boxen befindet, haben wir die GehĂ€use geöffnet. Das war in keinem der vier Einheiten der Fall. Weiter zerlegen wollten wir ohne Not nicht, so lange die Laufwerke alle funktionieren.

Einige EindrĂŒcke von der Borsu Software (Version 2.90):

Und einige EindrĂŒcke von der Iomega Software (Version 4.70):

Alle vier externen Bernoulli Boxen funktionieren, auch die interne Bernoulli Box II. Nur direkt nach dem Einschalten sind sie etwas lauter, bereits nach ca. 30 Sekunden werden sie erheblich leiser. Ingesamt machen sie einen robusten Eindruck. Vermutlich mĂŒssen die mehrschichtigen Filter am LĂŒfter irgendwann gereinigt werden, neue wird’s wohl nicht mehr geben.

Ab ca. 1987 fiel der Preis fĂŒr Festplatten mit höherer KapazitĂ€t. Trotz des damals schon stark gesenkten Preises war die Bernoulli Box dann einfach zu teuer.

Weitere Information zur Bernoulli Box:

Brutman.com